reflected in an unmarked space
100 Spiegelsitzungen/24 Stunden


"...ich sah alle Spiegel des Planeten,
doch reflektierte mich keiner..."
(Jorge Luis Borges)


Hinter der sich selbst bespiegelnden Tätigkeit des Künstlers, dem Umkreisen der Grenze zwischen dem Urbild und seinem Abbild, verbirgt sich (laut Broodthaers) der Lebenskampf, die als verloren empfundene Einheit seiner selbst wiederherzustellen. Es bedarf nur noch eines winzigen Schrittes über die Grenze in das Hinterland des Spiegels, dort, wo sich , auch im Sinne einer gemeinsamen Wahrnehmungs- und Rezeptionsbedingung aufgrund der Ähnlichkeit zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten, alle Gegensätze aufheben, sich alles Getrennte vereint.


Die sogenannten Spiegelsitzungen, ein retrospektiver Akt in einer ganz und gar introspektiven Art, finden in der Dauer eines 16mm Films von etwa 15 Minuten statt. Die zur Auswahl stehenden Filme sind nach Genre und Entstehungszeit bunt gemischt, und stammen vorwiegend aus der Zeit von 1910 bis 1950. Die Entscheidung, altes Filmmaterial zu verwenden, hat vordergründig ästhetisch spielerische Gründe, durchaus mit der Absicht einer literarischen, ja poetischen Färbung. Der gleichzeitige Einsatz von Film und digitalem Video verweist u.a. auf die Durchlässigkeit der Grenzen sowohl in der Definition der Genres als auch in der Verwendung der Medien, und ermöglicht v.a. aufgrund eines speziellen Settings quasi ein blue-box-Resultat.


Der Beginn des Films, dessen Auswahl nach Titel und Jahrgang von den TeilnehmerInnen selbst getroffen wird, ist gleichzeitig der Anfang der Spiegelsitzung. Nun ist man angehalten, sich wortlos solange im Spiegel selbst anzuschauen, gleichsam durch sich durch bis hinter die Spiegellandschaft, bis der Film zu Ende ist.



Die Aufnahme erfolgt mit einer digitalen Videokamera, wobei das Setting immer gleich ist. Zur einen Hälfte ist das Gesicht der Spiegelsitzenden als mehr oder weniger statisches Bild und zur anderen Hälfte ein Ausschnitt des verlangsamt laufenden Films jeweils spiegelbildlich zu sehen, ein blue-box-Ergebnis ohne Anwendung der technisch aufwendigen blue-box-Methode. Die laufenden Bilder können durchaus den Eindruck erwecken, als handle es sich um die visualisierten Gedanken der TeilnehmerInnen. Man hört den Originalton des ratternden Filmprojektors, jedoch keine Kommentare.


Das Wiedererleben der Spiegelerfahrung des Kindes, in der sich das Subjekt erstmalig als Objekt wahrnimmt, könnte durch die ungewöhnlich lange Dauer der Selbstbetrachtung auf die Erkenntnis der gegenseitigen Abhängigkeit von Subjekt und Objekt erweitert werden, um sich womöglich selbst als Erfinder eigener Wirklichkeiten zu begegnen.


Dies soll durch die nachträgliche Auswahl eines Zitats, das so weit wie möglich ein assoziatives Situationsbefinden während oder nach der Spiegelsitzung wiedergibt, und damit den gesamten Prozess durch die neuerliche Selbstüberschreibung auf einer sprachlichen Ebene nochmals reflektiert, bekräftigt werden. Die Zitate aus den Spiegelsitzungen werden zu 100 Videoclips in Form von Mikropalimpsesten montiert und sollen als eigenständige Projektion zusammen mit dem 24-Stunden-Video in einer Schleife gezeigt werden.

001 Nikolaus Wostry
Der Feuerwehrmann
21:00:00 - 21:15:28
002 Chrono Popp
Die Wolle
21:15:28 - 21:25:52
003 Paul A.Leitner
Reichtum der Wälder
21:25:52 - 21:40:41
004 Martin Kay
Rollende Welt
21:40:41 - 21:52:47
005 Ronald Pohl
Schneeweisschen und Rosenrot
21:52:47 - 22:08:37
006 Fritz Widhalm
Fox-Tönende Wochenschau
22:08:37 - 22:21:11
007 Stefan Müller
Es brennt
22:21:11 - 22:31:32
008 Georg Salner
Massage
22:31:32 - 22:44:35
009 Werner Bechter
Stillen eines Säuglings
22:44:35 - 22:54:46
010 Victoria Tremmel
Die Stechmücke
22:54:46 - 23:08:32
011Edgar Honetschläger
Flösser und Mikado
23:08:32 - 23:18:57
012 Vera Redlich
Gaswerk
23:18:57 - 23:28:31
013 Bettina Unger
Rettungsschwimmen
23:28:31 - 23:45:26
014 Christoph Steinbrener
Karl Valentin als Philatelist
23:45:26 - 23:59:48
015 Gillian Kay
Nordafrika
23:59:48 - 00:11:15
016 Julius Deutschbauer
Mit dem Motorrad nach Italien
00:11:15 - 00:26:44
017 Christian Steinbacher
Privataufnahmen-Kindertheater
00:26:44 - 00:43:34
018 Martin Loew-Cadonna
Softporno
00:43:34 - 00:57:57
019 Thomas Feuerstein
Produktivität schaftt Arbeitsplätze
00:57:57 - 01:14:01
020 Manfred Swoboda
Privataufnahmen 1929-38
01:14:01 - 01:27:04
021 Elisabeth Grübl
Physikalische Versuche
01:27:04 - 01:45:07
022 Thomas Reinagl
Softporno
01:45:07 - 01:59:19
023 Wolfgang Podgorschek
Es brennt
01:59:19 - 02:09:41
024 Sabine Groschup
Symbiosen-Tierleben im Mittelmeer
02:09:41 - 02:24:47
025 Georg Weckwerth
Ein Haus wird gebaut
02:24:47 - 02:40:38
026 Li Yan Ping
Pferde in Arizona
02:40:38 - 02:57:48
027 Oswald Egger
Winter
02:57:48 - 03:14:04
028 Katharina Hinsberg
Verbreitung von Samen
03:14:04 - 03:29:47
029 Michael Kienzer
Mittelmeerhafen
03:29:47 - 03:39:11
030 Andrea Sodomka
Landkartenhochbild
03:39:11 - 03:53:32
031 Martin Breindl
Stahlwerk-Thomasbirne
03:53:32 - 04:07:58
032 Clemens Gadenstätter
Entstehung von Eisbergen
04:07:58 - 04:23:39
033 Lisa Spalt
Entwicklungsformen v. Schmetterlingen
04:23:39 - 04:39:48
034 Ilse Kilic
Wildschwein und Hausschwein
04:39:48 - 04:52:48
035 Brigitte Prinzgau
Rote Waldameise
04:52:48 - 05:08:22
036 Reinhold Aumaier
Fische im Korallenmeer
05:08:22 - 05:23:03
037 Dieter Sperl
Lachmöve
05:23:03 - 05:35:39
038 Norbert Math
Störche und Rotwild
05:35:39 - 05:55:04
039 Chiara Minchio
Leibeserziehungen
05:55:04 - 06:11:22
040 Andreas Leikauf
Schutzfarbe im Tierreich
06:11:22 - 06:21:33
041 Christian Wachter
Rettungsschwimmen
06:21:33 - 06:35:04
042 Petra Ganglbauer
Afrikanische Dickhäuter
06:35:04 - 06:47:41
043 Christine Huber
Salzbergwerk
06:47:41 - 07:01:30
044 Karin Spielhofer
Suffer Little Children
07:01:30 - 07:14:56
045 Erich Wolfesberger
Landschaftsaufnahmen 1929-31
07:14:56 - 07:28:42
046 Susanne Neuburger
Schischule-Wedeltechniken
07:28:42 - 07:42:00
047 Barbara Gassner
Ein Bauer bestellt sein Feld
07:42:00 - 07:58:28
048 Manfred Grübl
Steinkohleabbau
07:58:28 - 08:13:52
049 Josef Ondracek
Privataufnahmen 1929-38
08:13:52 - 08:29:26
050 Doris Hassler
Steinkohleabbau-Trickfilm
08:29:26 - 08:43:45
051 Michael Gumhold
Schneeweisschen und Rosenrot
08:43:45 - 08:58:44
052 Astrid Becksteiner
Mit dem Motorrad nach Italien
08:58:44 - 09:13:58
053 Klaus Pamminger
Fox-Tönende Wochenschau
09:13:58 - 09:25:56
054 Nicole Finsinger
Nordafrika
09:25:56 - 09:36:36
055 Norbert Brunner
Schischule-Wedeltechniken
09:36:36 - 09:54:25
056 Heinrich Dunst
Suffer Little Children
09:54:25 - 10:08:50
057 Susanne Guggenberger
Privataufnahmen-Kindertheater
10:08:50 - 10:24:36
058 Agnieszka Baniewska
Flösser und Mikado
10:24:36 - 10:37:2
059 Amer Abbas
Landschaftsaufnahmen 1929-31
10:37:24 - 10:52:35
060 Andreas Scharf
Rote Waldameise
10:52:35 - 11:10:12
061 Hermann Hendrich
Physikalische Versuche
11:10:12 - 11:25:47
062 Ulrich Schlotmann
Massage
11:25:47 - 11:41:28
063 Ulf Stolterfoht Bergsteigen
Bergsteigen
11:41:28 - 11:53:52
064 Elisabeth Breckner
Stillen eines Säuglings
11:53:52 - 12:10:33
065 Liesl Ujvary
Der Feuerwehrmann
12:10:33 - 12:22:53
066 Herbert J.Wimmer
Gaswerk
12:22:53 - 12:33:37
067 Christoph Bochdansky
Der Dirigent
12:33:37 - 12:42:36
068 Sanna Tobias
Produktivität schafft Arbeitsplätze
12:42:36 - 13:01:46
069 F.E.Rakuschan
Karl Valentin als Philatelist
13:01:46 - 13:19:00
070 Johann Schmit
Reichtum der Wälder
13:19:00 - 13:34:50
071 Iris Nina Landsgesell
Der Elefant im Zoo
13:34:50 - 13:48:25
072 Monika Faber
Die Wolle
13:48:25 - 14:00:33
073 Mirko Tobias Schäfer
Rollende Welt
14:00:33 - 14:13:26
074 Gertrude Moser-Wagner
Salzbergwerk
14:13:26 - 14:28:45
075 Peter Pessl
Pferde in Arizona
14:28:45 - 14:44:14
076 Hansjörg Zauner
Die Stechmücke
14:44:14 - 14:58:47
077 Matthias Fuchs
Schutzfarbe im Tierreich
14:58:47 - 15:14:03
078 Mathias Goldmann
Die Lachmöve
15:14:03 - 15:27:43
079 Dieter Buchhart
Ein Haus wird gebaut
15:27:43 - 15:46:3
080 Ferdinand Schmatz
Landkartenhochbild
15:46:30 - 16:03:00
081 Thomas Schäfer
Entstehung von Eisbergen
16:03:00 - 16:13:36
082 Elisabeth Zimmermann
Symbiosen-Tierleben im Mittelmeer
16:13:36 - 16:31:01
083 Jochen Traar
Winter
16:31:01 - 16:48:37
084 Gerhard Jaschke
Fische im Korallenmeer
16:48:37 - 17:06:45
085 Petra Coronato
Steinkohleabbau
17:06:45 - 17:25:46
086 Gerald Nestler
Entwicklungsformen v. Schmetterlingen
17:25:46 - 17:40:54
087 Werner Herbst
Bergsteigen
17:40:54 - 17:53:29
088 Franz Türtscher
Verbreitung von Samen
17:53:29 - 18:06:45
089 Ingo Nussbaumer
Stahlwerk-Thomasbirne
18:06:45 - 18:21:43
090 August Black
Der Elefant im Zoo
18:21:43 - 18:41:19
091 Nita Tandon
Afrikanische Dickhäuter
18:41:19 - 18:56:50
092 Christine Citti
Wildschwein und Hausschwein
18:56:50 - 19:09:36
093 Peter Wechsler
Ein Obstbaum wird gepflanzt
19:09:36 - 19:20:31
094 Sylvia Eckermann
Steinkohleabbau-Trickfilm
19:20:31 - 19:38:31
095 Lucas Gehrmann
Mittelmeerhafen
19:38:31 - 19:55:47
096 Christof Cargnelli
Der Dirigent
19:55:47 - 20:05:59
097 Eri Bakladi
Leibeserziehungen
20:05:59 - 20:19:08
098 Kristian Katt
Störche und Rotwild
20:19:08 - 20:31:08
099 Simon Frearson
Ein Bauer bestellt sein Feld
20:31:08 - 20:43:16
100 Martin Skladal
Ein Obstbaum wird gepflanzt
20:43:16 - 21:00:00


reflected in an unmarked space
MUMOK, Wien, 2002


Hinter der sich selbst bespiegelnden Tätigkeit des Künstlers, dem Umkreisen der Grenze zwischen dem Urbild und seinem Abbild, verbirgt sich (laut Broodthaers) der Lebenskampf, die als verloren empfundene Einheit seiner selbst wiederherzustellen. Es bedarf nur noch eines winzigen Schrittes über die Grenze in das Hinterland des Spiegels, dort, wo sich , auch im Sinne einer gemeinsamen Wahrnehmungs- und Rezeptionsbedingung aufgrund der Ähnlichkeit zwischen dem Zeichen und dem Bezeichneten, alle Gegensätze aufheben, sich alles Getrennte vereint.


reflected in an unmarked space ist das bislang aufwendigste Projekt meiner Versuche "zur Auflösung über die Gleichheit in der Leere", welches neben den Versuchen "zu den prozessualen Transformationen an Landschaft" mein künstlerisches Hauptbeschäftigungsfeld ist. Überschneidungen der beiden Untersuchungskomplexe sind zwar nicht angestrebt, genausowenig gibt es aber die Intention diese zwangsläufig zu vermeiden. Das Projekt reflected in an unmarked space enthält etwa schon im Titel im weitesten Sinne die Landschaftsthematik. Ein unmarked space, eine räumliche Dimension, in der Synthese mit reflected, einer zeitlichen Größe, hebt sich wohl Zeit und Raum auf, als ob man in ein Loch fiele, sind diese Spiegelsitzungen nicht ein Reflektieren seines Selbst, sondern mehr ein Eintauchen in eine Landschaft, die hinter dem Spiegel liegt, nicht wiedergegeben wird man sondern geradezu verschluckt, aufgelöst in einer Leere, die es erst ermöglicht, die Wirklichkeitsvervielfachungsmaschine anzuwerfen.

Der Blick in die eigenen Augen geht ins Unbekannte. Das Schauen in die Leere fast Programm, kann der Trip hinter die Spiegellandschaft beginnen. Carroll's Alice im Rucksack und Lacan in der Hosentasche, hinein in die AntiLandschaft, in eine Landschaft ohne Land und Eigenschaft. Eingezäunt im Spiegel. Innerhalb des Rahmens, eingetaucht in eine Gegen-Landschaft, in einen Garten, bestückt mit mannigfachen willkürlich ausgewählten Darstellern aus dem Arsenal des privaten Bekanntenkreises. Ein Stück Wirklichkeit, das so aber auch anders ausschauen könnte.
Naheliegend war es, wie schon bei "Decodierung:Recodierung", einem weiteren Projekt zur "Auflösung über die Gleichheit in der Leere", die Metapher für die Anwendung von Codierungsmechanismen auf visueller Ebene schlechthin, das diesbezüglich am stärksten deterritorialisierte Element, die "Blue Box" (quasi eine Art ortloser, schattenloser, identitätsloser Raum), eine AntiLandschaft - eine Landschaft ohne Land und Eigenschaft - in der Realisierung des Projekts zu thematisieren. Die "Blue Box" - Methode, die durch die starke Ausleuchtung gleichsam ein Sichtbarmachen von Codierungssystematiken ermöglicht, und erlaubt, den Garten "Blue Box" mit förmlich unzähligen Möglichkeiten ganz bewusst zu bestellen, ist als Resultat evident ohne deren aufwendige Anwendung zu strapazieren.

100 Darsteller zur Spiegelsitzung geladen, in den Garten der Spiegellandschaft gestellt. 100 Personen aus meinem persönlichen Umfeld, die sich in ihrer Art, hinter die Spiegellandschaft ins Ungewisse zu blicken, selbst zeichnen. Die individuelle Persönlichkeit wird durch die Reduktion der Handlungsmöglichkeiten auf das bloße Schauen in einem besonderen Maße herausgefordert. Jede noch so kleine Mimik, ein zittriges Zwinkern der Augenlider, ein flüchtiger Zug aus den Winkeln des Mundes, ein nervöses Wabern des Wangenfleisches, erregt Aufmerksamkeit beim Betrachter, macht den Darsteller zum Porträtierten, wirft die Frage nach der Bedeutung des Films auf, in den der Darsteller/Porträtierte hineingestellt zu sein scheint. Ein 16mm-Film, vorwiegend dem Genre des Lehrfilms aus den 10er- bis 50er-Jahren zuzuordnen, dessen Thematik die Entscheidung der Auswahl, und somit bereits die erste Selbstbeschreibung, bestimmt. Die Projektion im Rücken, der Möglichkeit des Betrachtens beraubt, sofern man sich seiner Selbstdisziplin unterwirft, der Vorgabe folgt, nicht aus den Augenwinklen das gespiegelte Filmbild stiehlt, wirft einen noch mehr auf sich selbst zurück. Durch die Aufforderung zum Verzicht evoziert das Schauen in die eigenen Augen gegebenenfalls ein Vexierbild gegen die Verführung der Bilderwelt.

Letztlich führt die Auflösung in der Leere, zumindest für den Rezipienten, zur Verdoppelung, da jeder Film zweimal gewählt wurde, und dadurch Paarungen mit denselben "Landschafts"-Ingredienzen entstanden, welche sich durch die Zugabe eines Fremdzitats, das den gesamten Prozess durch eine neuerliche Selbstüberschreibung auf der sprachlichen Ebene nochmals reflektiert, wiederum unterscheiden.

Die Zitate aus den Spiegelsitzungen werden zu 100 Videoclips in Form von Mikropalimpsesten montiert und als Film und Slide Show auf DVD zusammen mit dem 24-Stunden-Video in einer
Schleife gezeigt.

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